Was ist die Erbsünde?

Der Begriff „Erbsünde” ist mißverständlich. Wenn Sünde etwas Böses ist, das ich in meiner Freiheit selbst tue, dann kann ich eine solche Schuld nicht von meinen Eltern oder anderen Generationen erben. Der Katechismus spricht daher von der Ursünde. Was damit gemeint ist, erzählt die Bibel in seinem ersten Buch Genesis im Kapitel 3 vom sogenannten Sündenfall. In bildhafter Sprache bringt diese Geschichte zum Ausdruck, was wir in der ganzen Geschichte der Menschheit und auch alltäglich erfahren: Die vertrauensvolle Beziehung zwischen Gott und den Menschen ist gestört. Der Mensch mißbraucht seine Freiheit und gehorcht den Geboten Gottes nicht.

Indem der Mensch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse ißt, obwohl es ihm von Gott verboten war, läßt er in seinem Herzen das Vertrauen zu seinem Schöpfer sterben. Er will selbst enscheiden, was gut und böse ist. Damit mißachtet er seine Grenzen als Geschöpf und stellt sich selbst vor Gott an den ersten Platz. Er will nicht von Gott abhängen und trennt sich so vom Ursprung der Liebe.

Wir alle werden mit einer solchen verwundeten Natur geboren, die zum Bösen neigt. Dieser Bruch in der Beziehung zu Gott hat verschiedene Auswirkungen.

  • Den Verlust der Beziehung zu Gott als Kind. Zum ersten Mal hat der Mensch Angst und schämt sich vor ihm. Er versteckt sich: „Ich habe deine Schritte gehört und hatte Angst” (Gen 3,10). Sein Gottesbild ist verzerrt. Der Mensch geht von Gott weg und glaubt, daß sich Gott von ihm entfernt.
  • Die innere Harmonie ist zerstört. Gewissen und Verstand sind verdunkelt. So weiß der Mensch nicht mehr, wie er sie in geordneter Weise ausüben soll. Und der Wille selbst, das Instrument der Freiheit, ist geschwächt. „Ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will”, stellt der heilige Paulus fest. Der Wille ist tatsächlich unfähig, sich mit Autorität als Meister der Handlung aufzuerlegen. Er läßt sich bestimmen durch verschiedene Leidenschaften, lähmen durch seine Schuld, er gibt klein bei. So behindert er oft das Wachstum der Freiheit. Es ergibt sich der Verlust der tiefen Einheit des Seins; der Mensch ist in seinem Innersten entzweit.
  • Ein Bruch der Beziehungen. Das Bestreben, von Gott unabhängig zu sein, wirkt sich auch auf die menschlichen Beziehungen aus. Es stärkt die Neigung des Menschen, allein für sich und nicht für die anderen zu leben. Schuld schiebt er auf andere ab. Der Mitmensch wird zum Rivalen und bedroht das eigene Leben. Oder wir machen andere zum Objekt und gebrauchen sie für unsere eigenen Bedürfnisse. Er macht ihn zum Sklaven oder beutet ihn aus. Wir stäuben uns dagegen, uns helfen zu lassen und können die unterschiedlichen Charaktere nicht ertragen oder andere Kulturen und Traditionen akzeptieren. Das alles erfüllt nicht die Sehnsucht nach Liebe und den Ruf zur Selbsthingabe, der tief im Menschen eingeschrieben ist. So erlebt der Mensch einen inneren schmerzlichen Widerspruch gegenüber sich selbst, Gott und dem Nächsten.
  • Das Verhältnis zur geschaffenen Welt ist ebenso gestört. Die Schöpfung ist dem Menschen fremd und feindlich geworden. Er, der den Auftrag erhalten hat, die Erde zu bestellen und zu behüten und wie ein Schutzherr über die anderen Geschöpfe zu herrschen, mißbraucht diesen Auftrag um die Natur für seine Zwecke auszubeuten.

Aber Gott läßt den Menschen und die Schöpfung nicht allein. Deshalb ergreift er die Initiative und sendet seinen eigenen Sohn, damit er unter den Menschen lebt. Gott selbst wird Mensch und spricht so ein klares „Ja” zum Menschen und der Schöpfung.

Jesus Christus, Sohn Gottes und wahrer Mensch, hat uns bis zur Vollendung geliebt und sich am Kreuz selbst hingegeben. So hat er den Bruch zwischen Gott und Menschen geheilt und uns eine neue Beziehung der Kindschaft zum Vater möglich gemacht.

Jeder Mensch, der Jesus Christus als seinen Erlöser annimmt, wird wieder das Kind seines Vaters und findet damit zu sich selbst zurück. Es ist, als wenn er neu geschaffen wird und der alte Bruch zwischen Gott und Mensch ihn nicht mehr belastet. Er ist eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.